Von 2012 bis 2017 war der Kunstkanal in Wien nicht nur meine Wirkungsstätte, sondern auch ein wichtiger Ort der transdisziplinären Zusammenarbeit. Der Verein bot auf 650 m² Raum für Ausstellungen, Ateliers, Werkstätten und Diskussionsformate und wurde von einer lebendigen Community aus Kunst, Design, Technik, Musik, Film, Architektur und Sozialwissenschaften genutzt.
Kurz nach meinem Einzug trat ich dem Vorstand des Vereins bei und arbeitete gemeinsam mit Milan Ammel und Christoph Kirmaier daran, die Räumlichkeiten funktionell und ästhetisch in ein vielseitiges Ausstellungs-, Atelier- und Werkstättenquartier zu verwandeln.
Selbstfinanzierung & Unabhängigkeit
Der Kunstkanal war ein vollständig selbstverwalteter und unabhängiger Raum, der keinerlei öffentliche Förderungen erhielt. Stattdessen finanzierten wir uns durch ein nachhaltiges Modell:
- Mieteinnahmen aus den Ateliers, Werkstätten und Büros
- Vermietung der Halle für Veranstaltungen & Ausstellungen
Diese finanzielle Autonomie ermöglichte uns volle Gestaltungsfreiheit und eine direkte Mitbestimmung der Mitglieder über die Nutzung und Entwicklung des Kunstkanals.
Raum für Experimente & nachhaltige Stadtentwicklung
Der Kunstkanal war nicht nur ein kreativer Arbeitsraum, sondern auch ein Ort, an dem wir neue Konzepte für eine nachhaltige Stadtentwicklung erprobten. Wie können wir den Herausforderungen der Zukunft – Ressourcenknappheit, ökonomische Krisen, Klimawandel und verschwindende Lohnarbeit – begegnen, ohne dabei an Lebensqualität einzubüßen?
Unsere Überzeugung: Neue Lebensweisen müssen lokal, synergetisch und gemeinschaftlich gestaltet werden.
- Kürzere Wege & gemeinschaftliche Strukturen: Güter konnten mehrfach genutzt, Dienstleistungen gegenseitig erbracht und Wissen gemeinsam vermittelt werden.
- Freiräume für kreative Experimente: Der Kunstkanal diente als Plattform für transdisziplinäre Künste & Technologien und förderte den Austausch neuer Ideen.
Neben festen Ateliers, Werkstätten & Büros standen 220 m² temporäre Off-Spaces für junge zeitgenössische Kunst, Veranstaltungen und kollaborative Projekte zur Verfügung.
Gestaltung & Infrastrukturentwicklung
Im Laufe meiner Tätigkeit entwickelte ich mit Christoph Kirmaier eine repräsentative Webseite für den Kunstkanal, die das breite Spektrum der Mieter*innen und Projekte abbildete. Für die interne Organisation setzte ich gemeinsam mit dem Team ein Open-Atrium-System auf Drupal-Basis auf, das die Kommunikation und Koordination der Mitglieder erleichterte.
Parallel dazu haben wir kontinuierlich die Infrastruktur des Kunstkanals erweitert und verbessert:
- Sanierung & Ausbau der Räumlichkeiten: Renovierung der Toiletten, Ausbau von Atelier- und Büroräumlichkeiten
- Bodenverlegung: Neue Bodenbeläge für Werkstätten und Ateliers
- Schaffung von Lagerräumen: Optimierung der Flächen für eine bessere Nutzung der Räume
- Elektrische & technische Verbesserungen: Verlegung neuer Stromkreise, Installation zusätzlicher Steckdosen und Beleuchtungssysteme
- Energieeffizienzmaßnahmen: Isolierung der Heizungsrohre zur besseren Wärmenutzung
Diese kontinuierlichen Maßnahmen haben den Kunstkanal nicht nur funktionaler gemacht, sondern auch die langfristige Nutzbarkeit der Räumlichkeiten sichergestellt und eine nachhaltige Infrastruktur geschaffen.
Community Management & Herausforderungen
Die Community-Arbeit im Kunstkanal war intensiv, da wir mit einer hohen Fluktuation an Mietern konfrontiert waren. Dies bedeutete, dass wir kontinuierlich neue Mietverträge aufsetzen und neue Mitglieder in die Gemeinschaft einführen mussten. Leider hielten sich einige der Mieter:innen nicht an die Regeln, was immer wieder zu Herausforderungen im Betrieb führte.
Da wir bewusst sehr günstige Mietpreise verlangt haben, war unsere Erwartung, dass sich die Mieter:innen aktiv am Ausbau der Räumlichkeiten beteiligen würden. Besonders bei Start-Ups stellte sich jedoch heraus, dass sie so stark in ihre eigenen Projekte vertieft waren, dass ihnen schlicht die Zeit für gemeinschaftliche Arbeiten fehlte. Dies führte dazu, dass die Last der infrastrukturellen Verbesserungen und der Instandhaltung oft beim Organisationsteam blieb.
Modulare Küche & Bar für den Kunstkanal (2014)
Wir konzipierten und bauten eine modulare Küche & Bar für die Galerie:
- Flexibles Design – Module auf Rollen, nutzbar als Kücheninsel oder Bar
- Materialien & Konstruktion – Stahlrahmen, gebeiztes Bauholz, recycelte Transportkästen
Innovative Produktentwicklung & Nachhaltigkeit
Gemeinsam mit Simon Laburda und Milan Ammel entwickelte ich ein hausinternes Energy Monitoring System, basierend auf dem Open-Source-System Volkszähler. Ziel war es, den Energieverbrauch der einzelnen Räume transparent zu machen und eine intelligente Steuerung für Licht & Heizung zu entwickeln.
In den Räumlichkeiten des Kunstkanals arbeiteten kreative Köpfe an Projekten in den Bereichen:
- Upcycling & nachhaltiges Design – In der Upcycling-Werkstatt Kellerwerk von Sascha Johannik und Romana Fürst entstanden aus alten Materialien neue, funktionale Objekte.
- Solarenergiesysteme & energieeffiziente Technologien – Jochen Fiedler entwickelte einen Solarkocher, während Patrick Fabian mit Swimsol an schwimmenden Photovoltaik-Inseln arbeitete.
- Experimentelle Architektur & postfossile Mobilitätskonzepte – Niklas Lunger entwickelte ein Open-Source-Velomobil, das nachhaltige Fortbewegung mit Open-Source-Prinzipien verband.
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Simon Laburda und ich beschäftigten uns intensiv mit Ansteuerungssystemen und Sensortechnologien für interaktive Installationen und entwickelten zudem Open-Source-Software und Websysteme. Darüber hinaus konzipierte und leitete ich Workshops sowie interaktive, innovative Projekte in den Bereichen Mediengestaltung und digitale Kunst.
- Innovatives Schuhdesign & nachhaltige Produktion – Stefanie Kerschbaumer entwarf und produzierte nachhaltige, handgefertigte Schuhe und experimentierte mit digitalen Fertigungstechniken.
- Traditionelles Handwerk & modernes Design – Luc Bouriel, Korbflechter und Flechtkursleiter, betrieb eine Korbflechtwerkstatt im Kunstkanal. Er schuf wunderschöne Flechtdesigns und handgefertigte Luster, die traditionelle Handwerkstechniken mit innovativen Formen verbanden.
- Aber auch verschiedene Künstler:innen in den Bereichen Malerei, Bildhauerei und Fotografie arbeiteten in unseren Räumlichkeiten.
Diese Vielfalt an Projekten machte den Kunstkanal zu einem einzigartigen Ort, an dem kreative und technische Innovationen aufeinandertreffen und neue, nachhaltige Konzepte für die Zukunft entstehen konnten.
Kooperation mit der Vienna Biennale 2015 & Workshopreihe
Im Jahr 2015 kooperierten wir in Zusammenarbeit mit Thomas Schneider/NANK und der Designerin und Schuhmacherin Stefanie Kerschbaumer im Rahmen der Vienna Biennale | Demonstrator: Die Fabrik und entwickelten ein experimentelles Open Source Schuhprojekt. Dabei experimentierten wir mit der Verbindung von traditionellem Handwerk & digitalen Fertigungsmethoden (Laserschnitt, 3D-Druck) zur Erprobung alternativer Produktionsformen.
Zusätzlich organisierten wir eine Workshopreihe rund um Handwerk, nachhaltige Produktion & alternative Fertigungsmethoden:
- Schweißworkshop – Einführung in das Schweißen, gemeinsamer Bau eines "Open Source Barhockers"
- Sandalen schustern – Entwurf und Herstellung individueller Sandalen
- Handpuppen bauen – Von der Skizze zur fertigen Puppe
- Fahrradbau-Workshop – Gestaltung und Bau eines individuellen Fahrrads
Diese Workshops waren nicht nur eine Gelegenheit zur Wissensvermittlung, sondern auch ein Experimentierfeld für urbane Produktion und kollaborative Arbeit.
Q202 Rundgang & Kunstkanal-Gemeinschaftsausstellung
Ab 2013 nahmen wir jährlich am Q202 Rundgang teil, einem offenen Atelierformat, das kreative Orte in Wien vernetzt. Dies bot uns die Gelegenheit, eine Kunstkanal-Gemeinschaftsausstellung zu realisieren, bei der wir die Arbeiten unserer Mitglieder in den eigenen Räumlichkeiten präsentierten.
Die Teilnahme am Q202 war nicht nur eine Plattform für unsere Künstlerinnen und Designerinnen, sondern auch eine Möglichkeit, die kreative Energie und die transdisziplinäre Zusammenarbeit im Kunstkanal nach außen zu tragen.
Kreativer Austausch und Gemeinschaft im Kunstkanal
In einer basisdemokratisch organisierten Gemeinschaft von Kreativen zu arbeiten, hat unglaublich viel Spaß gemacht – es gab intensive Diskussionen, aber genauso viele Synergien und jede Menge lustige Aktionen. Der Kunstkanal war wie ein Inkubator, in dem ständig Neues entstand, Ideen erprobt und weiterentwickelt wurden.
Im Jahr 2016 wurde meine Tochter geboren, und damit fehlten mir zunehmend die Zeit und Ressourcen, um mich weiterhin ehrenamtlich zu engagieren. Dennoch bleibt der Kunstkanal für mich ein inspirierendes Vorbild dafür, wie viel Kraft in kollektiver Kreativität und Zusammenarbeit steckt: Wenn verschiedene Perspektiven und Talente aufeinandertreffen, entstehen nicht nur spannende Projekte, sondern auch ein inspirierendes Umfeld, das Innovation fördert und gemeinsames Wachstum ermöglicht.